Titel: Reise-Notizen; von Karl Karmarsch.
Fundstelle: Band 123, Jahrgang 1852, Nr. XLVI., S. 267
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XLVI. Reise-Notizen; von Karl Karmarsch. Aus den Mittheilungen des hannover'schen Gewerbevereins, 1851, Lief. 63. Mit Abbildungen auf Tab. IV. Karmarsch's Reise-Notizen. Vorbemerkung. Ein neun Wochen langer Aufenthalt in England, während des Sommers 1851, hat mir sowohl zu ausführlicher Besichtigung der großen Londoner Industrie-Ausstellung als zum Besuche mancher interessanten Fabriken in Birmingham, Manchester, Leeds, Bradford, Huddersfield, Sheffield etc. Gelegenheit gegeben. Wenn ein umfassender und gründlicher Bericht über die gedachte riesenhafte Ausstellung nicht das Werk Eines Menschen seyn kann; wenn ferner die Anschauung von Fabriken, welche der Fremde meist mit einer gewissen Raschheit zu durchwandern genöthigt ist, nur eine mäßige Anzahl Einzelheiten genügend dem Gedächtnisse einzuprägen und in Anmerkungen niederzulegen gestattet, zugleich auch sehr viel Bekanntes darbietet, so konnte doch ein fleißiger Sammler aus beiden Quellen reichen Stoff zu eigener Belehrung mit nach Hause bringen. Ankäufe von Werkzeugen und Fabriksproducten, an Ort und Stelle gemacht, fügten dem noch Mannichfaltiges bei. Mehreres hiervon mag auch anderen zu wissen angenehm oder nützlich seyn, und darum wird eine Bekanntmachung in dieser Zeitschrift für angemessen wohl zu erachten seyn. Bruchstückweise wie die Dinge gesammelt wurden, kann auch ihre Mittheilung nur stattfinden, daher sie für nichts weiter als Notizen gegeben werden. Ohne Zweifel werden Freunde und Landsleute, welche mit mir einen gleichen Weg verfolgten, auch die Früchte ihrer Beobachtungen dem deutschen Publicum nicht vorenthalten, und so dürfte das, was ich nach und nach zu bringen beabsichtige, hin und wieder sich der Erweiterung, Vervollständigung zu erfreuen haben. 1. Ueber Verarbeitung des Britannia-Metalls. (Hierzu Fig. 38 auf Tafel IV.) Einleitung. – Das Britannia-Metall ist eine Zusammensetzung, in welcher Zinn den Hauptbestandtheil ausmacht. Seine Verarbeitung schließt sich demnach der gewöhnlichen Zinnwaarenfabrication im Besondern der Zinngießerei, am nächsten an, und ist in der That aus dieser hervorgegangen. Bekanntlich wurde von jeher das Zinn nicht im reinen Zustande, sondern mit Blei gemischt verarbeitet. Dieser Zusatz hat seine vollkommene technische Berechtigung, denn bleihaltiges Zinn füllt beim Gießen die Formen weit besser als unvermischtes. Aber die Gelegenheit durch Vergrößerung des Bleizusatzes über das nöthige Maaß hinaus an dem weit kostbarern Zinn zu sparen, verführte sehr oft zum Mißbrauch und somit zur Verschlechterung der Waaren, welche desto weicher, von desto unansehnlicherer Farbe, desto mehr dem Anlaufen unterworfen sind, je größer der im Gemisch enthaltene Antheil Blei ist, der aus großem Bleigehalte hervorgehenden Gefahr für die Gesundheit nicht zu gedenken. Daß die meisten Arten von Zinngeräthen als Haushaltsgegenstand nach und nach so sehr in Mißcredit gekommen, ja fast aus dem Gebrauche verschwunden sind, hat gewiß seinen Grund zum Theil in jenen Verhältnissen. Schon vor langer Zeit hatten Zinngießer, welche ein sehr bleihaltiges Zinn verarbeiteten, die offenbaren Mängel ihres Materials durch Beimischung anderer Metalle zu verdecken gesucht; man benutzte hierzu hauptsächlich Antimon, welches allerdings die Härte erhöht; gelegentlich kamen auch kleine Zusätze von Kupfer, Zink, Wismuth in Anwendung. Man verfuhr aber hierbei nach keinerlei festen Grundsätzen, und die so zu Stande gebrachten Mischungen konnten sich demnach auch Ansehen und Verbreitung um so weniger erwerben, als ihnen doch stets eine nur unvollkommen geheilte Verschlechterung des Zinns (durch starken Bleiversatz) zum Grunde lag. Inzwischen führte eine bessere Einsicht nach und nach auf Zusammensetzungen, in welchen das Blei größtentheils, ja meist ganz weggelassen, gewisse Antheile von Antimon, oder von Antimon und Kupfer (auch wohl von Zink) hingegen beibehalten wurden. Von der Art sind z.B. die folgenden Metallmischungen: 1) weißes Metall zu Tischklingeln (in Frankreich Métal d'Alger genannt), in 100 Theilen 94,5 Zinn, 5 Kupfer, 0,5 Antimon enthaltend; 2) weißes Metall zu Löffeln, Gabeln, Theekannen und dergleichen (unter dem Namen Métal argentin aufgebracht), 85,5 Zinn, 14,5 Antimon; 3) weißes Metall zu gleichem Gebrauche wie vorstehendes (Minofor benannt), worin auf 100 Theile gefunden wurde: 67,53 Zinn, 17,00 Antimon, 8,94 Zink, 3,26 Kupfer (Verlust bei der chemischen Analyse 3,27); endlich. 4) Britannia-Metall, welches den Gegenstand der folgenden näheren Betrachtung ausmachen wird. Im Allgemeinen beruhte die Darstellung der genannten und ähnlicher Compositionen auf einem Bestreben, das Zinn durch andere Metallzusätze, härter, steifer, politurfähiger, klingender zu machen. Zur Erreichung dieses Zweckes ist das Antimon, deßgleichen das Kupfer, vorzüglich geeignet; allein was das Antimon betrifft, muß man sich vor einer zu großen Vermehrung desselben hüten, weil es im Uebermaaße nicht nur die Geschmeidigkeit der Mischung beeinträchtigt, sondern auch als ein giftiges und den Wanzensamen nicht widerstehendes Metall unter manchen Umständen Gefahr für die Gesundheit herbeiführen kann. Das Britannia-Metall behauptet den Vorzug vor allen ähnlichen im Laufe der Zeit versuchten Zusammensetzungen und hat diese sämmtlich in der Gunst des Publicums mit Recht überdauert. Es ist gleich dem mit Blei versetzten Zinn sehr geeignet zur Gießerei und liefert ausgezeichnet schöne und scharfe Güsse; zugleich aber nimmt es eine viel schönere Politur an als jenes, kann namentlich den Operationen des Schleifens (Schmirgelns) und des Glanzschleifens unterzogen werden, während das gewöhnliche Zinn wegen seiner geringern Härte durch Schaben und durch Reiben mit harten Polirsteinen behandelt werden muß, wobei niemals ein feiner Glanz erzielt werden kann. Dieser Umstand trägt wesentlich dazu bei, das Britannia-Metall für Darstellung von Luxus-Geräthschaften tauglich zu machen, und vermöge des so erweiterten Anwendungskreises ist dasselbe auch rücksichtlich der Bearbeitungs-Methoden in die Reihe der gängigsten Metalle eingetreten, d.h. es wird wie diese zu Blech ausgewalzt und in dieser Gestalt durch Prägen, sowie durch Drücken auf der Drehbank weiter verarbeitet; Behandlungen, welche beim Zinn nie in nennenswerthe Uebung gekommen sind. Im beträchtlichsten Umfange findet die Darstellung von Artikeln aus Britannia-Metall in England statt, namentlich zu Birmingham und Sheffield, von wo derartige Waaren in Menge nach allen Gegenden der Welt abgesetzt werden. In Deutschland ist diese Fabrication zur Zeit noch nicht von großer Bedeutung. Elberfeld und Lüdenscheid z.B. liefern Britannia-Metall; in Hannover ist dazu ein kleiner Anfang gemacht, dem wir Gedeihen und Nachfolge wünschen. Zusammensetzung des Britannia-Metalls. – Hierüber findet man in Druckschriften mancherlei Angaben, welche zum Theil wohl nicht auf ganz verläßlichen Nachrichten beruhen, zum Theil deßwegen von einander abweichen, weil die Mischung in verschiedenen Fabriken verschieden ist. a) Es wird z.B. gesagt, das Britannia-Metall sey zu bereiten durch Zusammenschmelzen von gleichen Theilen Messing, Zinn, Antimon und Wismuth, und noch ferneren Zinnzusatz nach Bedarf. Nimmt man, in Ermangelung eines bestimmtem Anhaltspunktes, den Zinngehalt des fertigen Gemisches zu 85 Proc. an, womit man den weiterhin anzuführenden Zusammensetzungen nahe kommt, so läßt sich die Vorschrift so ausdrücken, daß 1 Theil Messing mit 1 Th. Antimon, 1 Th. Wismuth und 1 Th. Zinn zusammenzuschmelzen und dieses Gemisch schließlich mit 16 Th. Zinn zu vereinigen sey. Unter dieser Voraussetzung würde das Product in 100 Theilen annähernd enthalten:   85,0 Zinn,     5,0 Antimon,     5,0 Wismuth,     1,4 Zink,     3,6 Kupfer, ––––– 100,0. b) Einer andern Mittheilung zufolge sollen auf 100 Theile Zinn 7 Th. Antimon, 2 Th. Kupfer und 2 Th. Messing genommen werden. Dieß gäbe in 100 etwa:   90,1 Zinn,     6,3 Antimon,     0,5 Zink,     3,1 Kupfer, ––––– 100,0. c) Köller, der eine Probe englischen Bleches aus Britannia-Metall analysirte, fand darin:   85,72 Zinn,   10,39 Antimon,     2,91 Zink,     0,98 Kupfer, –––––– 100,00. d) Unter dem Namen Plate pewter findet man eine Composition erwähnt, welche ebenfalls hieher gehört und – wie schon die Benennung ausspricht – zu Blech gestreckt werden kann; sie soll bestehen aus 50 Zinn, 4 Antimon, 1 Wismuth, 1 Kupfer, oder in 100 Theilen:   89,30 Zinn,     7,14 Antimon,     1,78 Wismuth,     1,78 Kupfer, –––––– 100,00. e) Von Baumgärtl sind zwei fast übereinstimmende Sorten untersucht worden, die eine als Britannia-Metall, die andere als Ashberry's Patent-Metall bezeichnet. Er fand: Britannia-  Metall. Ashberry-  Metall. Zinn   81,90   77,812 Antimon   16,25   19,375 Kupfer     1,84     2,781 –––––––––––––––––––   99,99   99,968. Es ist nicht gesagt, ob die analysirten Stücke Guß oder Blech gewesen seyen; doch ist das erstere aus dem Zusammenhange (indem in der Einleitung des Aufsatzes namentlich von Löffeln gesprochen wird) als wahrscheinlich abzuleiten und auch schon deßwegen zu vermuthen, weil für eine auf Blech zu verarbeitende, also einer großen Dehnbarkeit bedürftigen Mischung der Antimongehalt zu groß ist. f) Zwei Proben von dem Britannia-Metall, welches ich selbst aus Birmingham mitbrachte, sind unter Leitung des Hrn. Dr. Heeren im Laboratorium der polytechnischen Schule analysirt worden, und haben folgendes Verhältniß der Bestandtheile dargeboten:    Gegossenes      Metall.   Blech. Zinn       90,71   90,57 Antimon         9,20     9,40 Kupfer         0,09     0,03 Blei       kleine Spur    Spur Eisen kaum eine Spur    Spur ––––––––––––––––––––––     100,00 100,00. Es ist offenbar, daß beide der Absicht des Fabrikanten nach von übereinstimmender Mischung und aus 9 Theilen Zinn mit 1 Th. Antimon bereitet sind. Kupfer, Blei und Eisen finden sich in so geringer Menge vor, daß unbedingt deren Gegenwart nur in Unreinheit des Zinns und des Antimons ihren Grund hat. Von allen angeführten Zusammensetzungen des Britannia-Metalls ist hiernach diese die einfachste. Eigenschaften des Britannia-Metalls. – Ueber die Beschaffenheit des von mir aus Birmingham mitgebrachten Metalles, dessen chemische Zusammensetzung vorstehend unter f) angegeben wurde, ist Folgendes zu bemerken: Seine Farbe ist bläulicher als die des reinen Zinns, aber nicht so grau als jene des beträchtlich mit Blei vermischten Zinns, und gleicht fast der Farbe des Platins. Es übertrifft an Härte bedeutend das reine, noch viel mehr also das bleihaltige Zinn: die Ecke oder Kante eines Zinnstäbchens stumpft sich ab ohne den mindesten Eindruck zu machen, wenn man damit auf Britannia-Metall streicht; dagegen kann man mit der Ecke eines Stücks Britannia-Metall in der Oberfläche des Zinnstäbchens starke Ritzen und Grübchen machen. Eine Folge des Antimongehaltes, welcher diese vergrößerte Härte bewirkt, ist es auch, daß das Britannia-Metall sich mit gewöhnlichen Feilen, auch ziemlich feinen, sehr gut feilen läßt, ohne deren Hieb mehr zu verstopfen als Messing es thut; wogegen das reine und noch mehr das bleihaltige Zinn den Hieb schnell ausfüllen, so daß die Wirkung der Feile abnimmt oder fast gänzlich gehemmt ist. Das specifische Gewicht des Britannia-Metalls fand ich am Bleche – 7,339, an einem gegossenen Stücke 7,361; also geringer nach der Bearbeitung durch das Walzen. Da (wie die oben mitgetheilten Analysen ergeben) eine Abweichung in der chemischen Zusammensetzung, welche diesen Unterschied erklären könnte, nicht vorhanden ist, so muß derselbe in dem mechanischen Zustande seinen Grund haben. Mit der gewöhnlich als gültig angenommenen Regel, daß durch Auswalzen die Dichtigkeit der Metalle sich vergrößere, steht diese Beobachtung im Widerspruch: ich wollte mir deßhalb eine Controle derselben verschaffen, und streckte zu dem Behufe ein Gußstück von fast ein Viertelzoll Dicke und dem specifischen Gewichte 7,361, unter rasch verengerter Stellung der Walzen, zu Blech von der Stärke eines Spielkartenblattes aus, wobei es an den Kanten stark einriß: es zeigte nun das specifische Gewicht 7,325. Ich muß demnach die Verminderung der Dichtigkeit durch das Walzen als eine erwiesene Thatsache beim Britannia-Metall ansehen, zu deren Erklärung ich nur sagen kann, daß wahrscheinlich, wie die äußerlich entstehenden Kantenrisse vermuthen lassen, die Theilchen eine Neigung haben, sich unter dem Drucke von einander zu entfernen, weil ihnen die nöthige Geschmeidigkeit fehlt, um sich inniger zwischen einander hinein zu pressenGanz vereinzelt steht meine Beobachtung über das Britannia-Metall insofern nicht, als Lebrun auch an anderen Metallen nach dem Walzen oder Hämmern ein geringeres spec. Gewicht fand als vor dieser Behandlung (siehe Mittheilungen des Gewerbevereins für das Königreich Hannover, Lief. 35, S. 61.).. – Das Metall nimmt durch Poliren einen schönen feinen Glanz an; ist geschmeidig in einem solchen Grade, daß es nur durch vielfach wiederholtes Hin- und Herbiegen abgebrochen werden kann; läßt sich walzen, hämmern, in Stanzen prägen, zu Draht ziehen. Ein von mir selbst gezogener Draht, welcher 0,026 Pariser Zoll dick war, erforderte um abgerissen zu werden, eine Belastung von 3 1/4 bis 3 1/2 köln. Pfund: dieß ergibt ungefähr dieselbe Festigkeit, welche von mir bei einer andern Gelegenheit an Draht aus unvermischtem Zinn beobachtet worden ist. Um die Wirkung einer schwachen Säure auf Britannia-Metall zu erproben, stellte ich einen Streifen Blech in eine Mischung von gleichviel Wasser und gewöhnlichem gutem Essig so, daß er zum Theil herausragte. Nach 48stündigem Verweilen darin hatte derselbe nichts von seinem Glanze verloren, ausgenommen eine schmale Stelle, welche dicht unter der Oberfläche der Flüssigkeit gewesen war und sich unbedeutend mattgrau angelaufen zeigte; aber in dem Essig bildete sich nachher beim Hindurchleiten von Schwefelwasserstoffgas ein beträchtlicher stockiger dunkelbrauner Niederschlag. Zur Vergleichung wurde in eine andere Portion derselben sauren Flüssigkeit ein Stäbchen reinen Zinns, ebenfalls 48 Stunden lang, gestellt: durch Schwefelwasserstoffgas entstand hierin gleichfalls ein brauner Niederschlag, dem Ansehen nach in ebenso reichlicher Menge als vom Britannia-Metall beim vorhergehenden Versuche. Man darf also wohl schließen, daß Britannia-Metall-Gefäße nicht mehr gesundheitliche Bedenken in der Anwendung erregen können, als zinnerne. Verarbeitung des Britannia-Metalls. – Die Darstellung der Waaren aus dieser Metallmischung geschieht theils durch Guß, theils durch Verarbeitung von Blech. Das Auswalzen des Metalls geht leicht und gut von Statten, doch zeigt dasselbe einige Neigung einzureißen; wenigstens haben die Blechtafeln rauhe, vielfältig und häufig auf 2 bis 3 Linien Tiefe eingerissene Ränder, obschon sie übrigens sehr glatt, glänzend und rein erscheinen; ich sah selbst Tafeln, die vom Ende her einen 12 bis 20 Zoll tiefen Längenriß bekommen hatten. Blech, welches bei einer halben Linie Dicke in Tafeln von 16 1/2 hannov. Zoll Breite und etwa 8 Fuß Länge dargestellt wird, berechnet die Fabrik von Richard Ford Sturzes zu Birmingham 1 Shill. 4 Pence das englische Pfund (11 Ggr. das hannov. Pfund). Die Verarbeitung des Blechs findet hauptsächlich durch Drücken auf der Drehbank und durch Prägen zwischen Stanzen unter dem Fallwerke Statt. a) Gießen. – Nicht nur Löffel und einfache Gefäße, so wie eine Menge kleiner Gegenstände und Bestandtheile werden durch Guß dargestellt, sondern man gießt auch bauchige und zwar sehr künstliche Stücke im Ganzen, in messingenen oder eisernen Formen, die aus vielen Theilen zusammengesetzt und daher sehr kostspielig sind. Ich sah z.B. einen großen Theetopf, wozu die Form nicht weniger als 70 Pfund Sterling (467 Thlr.) gekostet hatte. Der ungemein ausgebreitete Absatz der Waaren und die guten Preise, welche dafür in England bezahlt werden, machen die Anwendung so theurer Gießformen thunlich, wovor ein deutscher Fabrikant in der Regel zurückschrecken wird. Ich gebe auf der Kupfertafel durch Fig. 3 und 4 (beide in der halben Größe gezeichnet) ein Paar erläuternde Beispiele an Stücken, welche ich in der obengedachten Sturges'schen Fabrik für die technologische Sammlung der polytechnischen Schule im rohen Gusse erworben habe und daher genau untersuchen konnte. Fig. 4 ist ein 5 1/2 Zoll hoher Theetopf mit überaus reicher Reliefverzierung, welcher ganz wie die Zeichnung ihn darstellt – also sammt den Ansatzstücken a, b des Henkels, dem Ausgusse c und vier Füßen gleich d, d – aus der Form gekommen ist. Letztere besteht, wie die noch vorhandenen Gußnähte zu erkennen geben, aus 17 Theilen, nämlich: 3 Stück (2 Seitentheile, 1 Bodenstück) für das Aeußere, den Hobel nach der Sprache unserer Zinngießer; 9 Theile zum Kern des Körpers; 2 Theile zum Kern des Ausgusses c; 1 Kernstück zur Höhlung des Ansatzes a; 1 Kernstück deßgleichen zum Ansatze b. 1 Stück zum Scharnier, woran nachher der Deckel angebracht wird. (Dieses Scharnier hat vom Gusse her noch nicht die Bohrung). Alle Verzierungen sind auf das Reinste und Schärfste ausgegossen, alle schlichten Flächen sehr glatt, obschon nicht glänzend. Der Guß ist nur im Boden dick (des festen Standes wegen), übrigens aber von so dünner Wandung, daß das Stück nicht mehr als 1 Pfund 27 Loth wiegt. Die weit einfachere Milchkanne Fig. 4 erfordert gleichwohl eine 10theilige Form, wovon 3 Stücke (wie beim Theetopf) den Hobel bilden, und 7 Stücke den Kern für den Hohlkörper zusammensetzen. Diese Kanne ist 4 3/4 Zoll hoch und wiegt 17 Loth. Im Allgemeinen ist zu bemerken, daß der Einguß das Metall mitten auf die äußere Fläche des Bodens führt; daß die mehrtheiligen Kerne vor dem Gusse durch Gypsbrei aneinander gekittet, aus dem gegossenen Gegenstande aber stückweise herausgeholt werden; endlich daß man einzelne kleine Löcher, welche nicht ganz selten in so schwierigen Gußstücken sich finden, mittelst Schnell-Loth zustopft. b) Drücken. – Das Britannia-Metallblech ist mit den bekannten Handgriffen des Drückens auf der Drehbank äußerst leicht zu behandeln. Interessant war mir die Verfertigung eines bauchigen Theetopfkörpers zu sehen, den Fig. 5 in halber Größe vorstellt. Er ist 4 1/4 Zoll hoch, im Bauche 5 1/4 Zoll weit; der Durchmesser seiner Mündung a, b beträgt 3 1/4 Zoll. Zur Hervorbringung desselben kam eine Blechscheibe von 10 1/2 Zoll Durchmesser, 28 Loth wiegend, in Anwendung, welche zuerst auf ein hölzernes Futter wie A, Fig. 6, gebracht wurde. Mit dem Gewinde bei c ist dieses Futter auf der Drehbankspindel festgeschraubt; ein kleines rundes Holzstück B, gegen welches man den Reitnagel C der Drehbank scharf ansetzt, hält das Blech d, h, i, e auf der Vorderfläche des Futters unverrückbar. Nachdem mittelst der Drückstähle das Blech dergestalt über das Futter aufgezogen ist, daß es ein Gefäß von dem Profile g, h, i, f bildet, wird dieses in ein genau passendes vertieftes Futter D, Fig. 7, gesetzt, worin es durch Reibung genügend festhält, während ein bedeutender Theil vom Rande aus freisteht. Dieser freistehende Theil kg, mf wird sodann durch behutsames und wohlgeregeltes Anhalten und Führen der Drückstähle allein, ohne Unterlage oder sonstiges Hülfsmittel gegen die Mitte hereingezogen, um das Profil kl, mn zu erzeugen. Durch Wegstechen dessen, um was der Blechkörper zu groß sich zeigt, und durch schließliches Ausdrehen der Mündung l, n fällt so viel Metall ab, daß das fertiggedrückte Stück nur mehr 21 1/4 Loth wiegt. c) Prägen. – Gleich Messingblech, Silberblech etc. wird auch das Blech aus Britannia-Metall in zahlreichen Fällen unter dem Fallwerke zwischen Stanze und Oberstempel geprägt, und man macht hiervon namentlich bei Herstellung aller solcher Stücke Anwendung, welche ihrer Gestalt nach sich nicht zum Drücken auf der Drehbank eignen. So werden unter andern zu den gedrückten Theetopfkörpern die Deckel, die Ausgüsse (in Hälften), die Henkel (ebenfalls in Hälften) geprägt. Die Körper selbst, wenn sie nicht die schlichtrunde durch das Drücken erzeugte Gestalt behalten sollen, werden durch Prägen in einem kleinern Fall- oder Schlagwerke nach bekannter Weise ausgebildet, z.B. mit sogenannten Knorren, Rippen u. dergl. versehen. d) Löthen. – Die an Britannia-Metall-Waaren vorkommenden Löthungen werden mit gewöhnlichem Schnell-Loth (Zinnloth) ausgeführt, indem man sich einer Gasflamme und des Löthrohrs bedient. Der Arbeiter taucht ein sehr dünnes Stäbchen Loth mit dem Ende in ein Gemisch von Oel und Colophonium, trägt dieß auf die Löthstelle, und bläst zugleich mittelst des Löthrohrs die Flamme darauf, wobei das Loth abfließt und in die Fuge eindringt. Die in zwei Theilen geprägten Henkel und Ausgüsse werden so durch Löthen vereinigt; auf dieselbe Weise befestigt man nachher an den aus Blech gemachten Gefäßkörpern nicht nur diese Henkel und Ausgüsse, sondern auch die als besondere Stücke gegossenen Füße und Deckel-Scharniere. Auch gegossene Reliefverzierungen werden auf den schlichten Blechkörpern durch Löthung befestigt. e) Schleifen und Poliren. – Die Gegenstände aus Britannia-Metall werden, sofern sie große schlichte Flächen haben, auf hölzernen lederbekleideten Scheiben mit feinem Sande geschliffen, dann auf der Handfläche mit trockenem Tripelpulver polirt. Der erwähnte Sand (Trent Sand) kommt aus dem Flusse Trent, ist graubraun und außerordentlich fein; ich konnte nicht erfahren, ob und wie er vor der Anwendung zubereitet (etwa zerstoßen oder geschlämmt) wird. Man gebraucht ihn in halbfeuchtem Zustande, etwa so wie frisch aus der Erde gegrabener Sand zu seyn pflegt. Der Arbeiter hat auf dem Tische einen Vorrath solchen Sandes neben sich, und wirft davon mit der Hand fleißig zwischen die Scheibe und das fast von ganz unten her gegen dieselbe angehaltene Arbeitsstück, welches dabei nach Erforderniß gewendet wird. – Das Innere der Gefäße wird auf kleinen (etwa 2 Zoll im Durchmesser haltenden) Lederscheiben mit demselben Sande geschliffen. Eine solche Scheibe F, Fig. 8 (Maaßstab ein Viertel des wirklichen), befindet sich am Ende eines 3 bis 6 Zoll langen hölzernen Stieles oder Schaftes E, der mit seinem inwendigen Schraubengewinde bei Z auf der Spindel einer Drehbank angeschraubt ist. Polirte Stellen an Arbeiten mit Reliefverzierungen empfangen ihren Glanz durch Reiben mit dem Polirstahle oder Blutsteine. 1) Versilbern. – Der größere Theil der Artikel aus Britannia-Metall wird auf galvanischem Wege stark versilbert (electro-plated). Wir kennen galvanisch versilberte Waaren aus Argentan (Neusilber) in Deutschland unter dem Namen China-Silber; in England aber hat der Gebrauch dieser sowohl als jener des versilberten Britannia-Metalls eine sehr große Ausdehnung erlangt, und beide werden dort so sorgfältig gearbeitet, daß sie im Ansehen durchaus nicht von ächten Silberwaaren zu unterscheiden sind. Die versilberten Gegenstände werden mittelst Polirstahls oder Blutsteins polirt, theilweise (namentlich auf Flächen mit feinen vertieften, die Gravirung nachahmenden Verzierungen, welche der Polirstahl zudrücken würde) mit Leder und Polirroth, sogenanntem Crocus, glanzgeschliffen. Das Putzen der versilberten Waaren, wie es beim Gebrauche derselben nöthig wird, muß mit Behutsamkeit geschehen. Die Anweisung, welche die Fabrikanten dazu geben, ist folgende: man gebraucht zum Putzen feines Polirroth (geschlämmtes hellrothes Caput mortuum oder Colcothar) mit Wasser zur Consistenz des Rahms angemacht. Aus den Vertiefungen verzierter Gegenstände wäscht man dann das Pulver mit Seife und kochendem Wasser heraus, worauf das Stück gut getrocknet und schließlich mit weichem Sämischleder (sogenanntem Waschleder) abgerieben wird. Das Bürsten muß man so viel möglich vermeiden, weil durch dasselbe leicht die glatten Theile der Gegenstände Schaden leiden, wenn es nicht sehr aufmerksam und sorgfältig verrichtet wird. Statt der Versilberung kommt öfters Vertombakung des Britannia-Metalls in Anwendung; man nennt solche Artikel Similor, und ich sah dergleichen von sehr hübscher, ziemlich goldähnlicher Tombakfarbe, habe auch ein Paar große Tafelleuchter dieser Art aus Birmingham mitgebracht. Man sagte mir, daß der Flüssigkeit, aus welcher die gleichzeitige galvanische Niederschlagung von Kupfer und Zink erfolgt, eine sehr kleine Menge Goldauflösung zugesetzt werde, um die Farbe des gelben Ueberzuges zu erhöhen. Es scheint indessen, daß diese Waaren demungeachtet mit der Zeit schwärzlich anlaufen. 2. Ueber appretirten Baumwollstoff als Stellvertreter des Papiers zum Schreiben und Zeichnen. Im Jahre 1846 erhielt Dowse in England ein Patent auf Zubereitung der Baumwollzeuge, um sie anstatt Papier anwenden zu können. Dingler's polytechn. Journal theilte bald nachher (Jahrg. 1847, Bd. CIV S. 79) aus dem London Journal of arts das Verfahren mit folgenden Worten mit: „Die Baumwollzeuge werden zuerst gesengt um ihnen den Flaum zu benehmen, und dann gebleicht; sollen sie als Surrogate für farbiges Papier dienen, so muß man sie färben. Hierauf sättigt man die Zeuge mit einer Auflösung von 1 Pfd. Harz in 10 1/4 Pfd. Potasche- oder Sodaauflösung (welche 1/4 Pfd. Alkali enthält). Dann taucht man die Zeuge in eine Auflösung von 1 Pfd. Alaun in 10 Pfd. Wasser; hierauf kommen sie in eine Auflösung von Stärke, Mehl oder Gummi, um ihnen die erforderliche Steifheit zu ertheilen und ihre Zwischenräume auszufüllen; ehe man sie von einer Auflösung in die andere bringt, muß man sie jedesmal durch Auspreßwalzen passiren. Die Zeuge werden nun getrocknet und hernach zwischen Walzen oder in Bogen zwischen Platten gepreßt, um ihre Oberflächen zu glätten.“ „Statt der Harzauflösung kann man auch eine Auflösung von weißer Seife in Alkali anwenden; zum Steifen kann man anstatt der Stärke oder mit ihr auch Leim anwenden.“ „So präparirte Zeuge können mit gewöhnlicher Tinte beschrieben, bedruckt und zu vielen Zwecken wie Papier angewendet werden.“ Die hierin zu Tage tretende, den größten Theil der englischen Patentbeschreibungen charakterisirende Unbestimmtheit und Allgemeinheit der Angaben ist vielleicht Ursache gewesen, daß in Deutschland man dem Gegenstande keine Aufmerksamkeit schenkte, wenigstens in unseren technischen Zeitschriften seiner nicht weiter gedacht wurde, nachdem in mehreren derselben die erste Notiz (aus oben genannter englischer Quelle) aufgeführt war. Die Londoner Industrie-Ausstellung gab indessen Gelegenheit zu bemerken, daß die Erfindung sowohl in England als in Frankreich eine praktische Anwendung gefunden hat, deren Nützlichkeit außer Zweifel gesetzt ist. Es fand sich nämlich unter den ausgestellten Gegenständen ein dünner, mit glänzender und stark durchscheinender Appretur versehener weißer Baumwollstoff, welcher zum Durchzeichnen statt des sonst üblichen Kalkix- oder Copirpapiers (Stroh- und Firnißpapiers) bestimmt, für diese Anwendung mit vorzüglicher Tauglichkeit begabt erschien. Beigefügte Probeblätter solcher Zeichnungen ergaben, daß auch das Tuschen und das Anlegen mit Farben sehr gut auf diesem Stoffe von statten geht. Mehrere so ausgeführte Maschinenzeichnungen sah ich nachher auch in dem Zeichner-Atelier des Hrn. Armengaud in Paris. Der französische Aussteller (Husson in Paris, Quai de la Tournell, 13) nennt sein Product Papier-toile; bei den Engländern hat es den Namen Writing and tracing cloth oder Vellum cloth empfangen, unter welchem man es z.B. bei J. Smith in London (42 Rathbone Place, Oxford Street) findet. Die Waare ist 37 bis 38 hannov. Zoll breit. In Paris wird der Meter (41 hannov. Zoll) zu 2 Fr. 25 Cent. = 14 gGr. 5 Pf. Courant verkauft, in London die Yard (37 1/2 hannov. Zoll) zu 1 Shilling = 8 gGr., bei Abnahme eines ganzen Stücks von 24 Yards sogar um 10 Pence = 6 gGr. 8 Pf. Dieser große Preisunterschied erklärt sich zum Theil aus einer Verschiedenheit des Gewebes, wie sogleich näher anzugeben seyn wird. Beide Arten sind ziemlich steif und in so hohem Grade durchscheinend, daß man die Züge einer feinen Zeichnung sehr vollkommen hindurch erkennen und genau nachziehen kann; doch ist der englische Stoff noch stärker durchscheinend als der französische. Der erstere zeigt eine rein weiße Farbe und einen ausgezeichneten Glanz; der französische ist etwas gelblich oder schmutzigweiß und weit weniger glänzend. Für den Gebrauch empfiehlt sich daher, namentlich da die größere Wohlfeilheit hinzukommt, das englische Fabricat vorzugsweise. Das Schreiben mit gewöhnlicher Tinte, das Zeichnen mit der Reißfeder, das Tuschen und das Auftragen anderer Farben mittelst des Pinsels, geht auf beiden gleich gut von statten; nur der Bleistift faßt auf dem französischen etwas besser, da es nicht so sehr glatt ist. Durch das Auftragen nasser Farben geht an den damit bedeckten Stellen der Glanz verloren, die Rückseite eben dieser Stellen behält ihn aber mehr oder weniger. Mit Tinte gemachte Schrift geht – zumal wenn jene nicht zu dick war – beim Spülen und Reiben im Wasser nicht gänzlich wieder weg, sondern bleibt sehr leserlich, ungeachtet die Steifheit und der Glanz des Stoffes durch diese Behandlung gänzlich verschwinden.Die Haltbarkeit der Tinte-Schrift auf diesem Stoffe hat in England zu einer sehr praktischen Nebenanwendung desselben geführt, wozu man indessen eine gröbere und nicht ganz so durchscheinende Sorte gebraucht. Man schneidet nämlich daraus länglich viereckige Stücke, biegt an diesen die eine schmale Seite und deren beide Ecken nach rückwärts um, sticht hier ein Loch durch, füttert dieses mit einem Metallringe von der bei Damen-Corsetten gebräuchlichen Art aus, und benutzt diese Zettel zum Anhängen an Reisesäcke und dergl., indem man Namen, Bestimmungsort etc. darauf schreibt. Aus eigener Erfahrung kann ich die Brauchbarkeit solcher Adreßzettel bezeugen. Das Duzend kostet in London 3 Pence (2 gGr.). Gegen die zum Copiren von Zeichnungen üblichen Papiergattungen hat das in Rede stehende Gewebe vieles voraus; es ist weit haltbarer, bricht nicht bei dem schärfsten Zusammenfalten und Streichen der Bruchstelle mit dem Falzbeine etc., läßt sich leicht und schön zusammenrollen, offenbart nicht das unangenehme Knattern, hat eine weit angenehmere Farbe und wird nicht (wie so oft das Firnißpapier) mit der Zeit gelb. Die einleuchtende vorzügliche Tauglichkeit dieses Fabricates bewog mich, dessen Beschaffenheit näher zu untersuchen, und wo möglich den leitenden Faden zu dessen Nachbildung aufzufinden. Es war hierbei die Natur des Gewebes und die Art der Appretur zu erforschen. In kaltem Wasser eingeweicht und unter fleißigem Reiben vollständig ausgewaschen, dann getrocknet, erscheint das Gewebe aller Appretur beraubt, und kann leicht als Baumwollstoff erkannt werden. Unter dieser Behandlung schrumpft es ein wenig ein; die Fäden quellen auf und werden rund, während sie ursprünglich stark plattgedrückt waren. Durch genaues Wägen einer gemessenen Probe, und Abzählen der Fäden in derselben, kann alsdann sehr annähernd (wenn man dabei schätzungsweise den Gewichtverlust im Bleichen veranschlagt) die Feinheits-Nummer des zu dem Stoffe verarbeiteten Gespinnstes ermittelt werden. Ich fand auf diese Weise, daß die englische Waare aus Kette Nr. 60 und Schuß Nr. 70 verfertigt ist. Dieselbe enthält auf dem Raume eines hannov. Zolls im appretirten Zustande 76 bis 77 Ketten- und 84 bis 86 Einschußfäden, nach dem Auswaschen und Trocknen 78 Ketten- und 88 Schußfäden. Die hannov. Quadrat-Elle des käuflichen Stoffs wiegt nahe an 1 3/5 Loth (1,5908 Loth) kölnisch. Das französische Fabricat ist bedeutend feiner und dichter; es besteht aus Kettengarn Nr. 90, Schußgarn Nr. 100, enthält auf 1 Zoll im appretirten Zustande 112 Ketten- und 132 Einschußfäden, nach dem Waschen 115 Ketten- und 145 Schußfäden; eine Quadrat-Elle desselben wiegt (unausgewaschen) etwas über 1 4/5 Loth (1,8133 Loth) kölnisch. Der erörterten Beschaffenheit nach sind beide Gewebe, von der Appretur abgesehen, zu dem Baumwoll-Battist oder Jaconnet zu rechnen. Der durch Auskochen und Auswaschen im Wasser eintretende Gewichtverlust beträgt an der englischen Waare 9 1/3 Proc., an der französischen dagegen 17 1/2 Proc., so daß letztere im gereinigten Zustande nur sehr unbedeutend schwerer ins Gewicht fällt als erstere. Welcher Natur das den Glanz, die Steifheit und die durchscheinende Beschaffenheit begründende, zugleich auch das Ausfließen der Tusche und Tinte hindernde Appretur-Material sey, würde zunächst aus den Eingangs dieses Artikels mitgetheilten Angaben des englischen Fabrikanten zu entnehmen seyn, wenn diese nicht hierin eine so große und unbestimmte Wahl ließen. Durch successive Behandlung mit alkalischer Harzlösung, Alaunlösung und gekochter Stärke konnte ich einer vorher rein ausgewaschenen Probe des englischen Fabricates, welche schließlich mit einem polirten Achate auf polirter Glasunterlage kräftig geglättet wurde, zwar Glanz und Tauglichkeit zum Schreiben, aber keineswegs das durchscheinende Wesen wieder ertheilen. Statt weitere Versuche in dieser Richtung anzustellen, zog ich vor, eine sorgfältige Prüfung der in meinen Händen befindlichen fertigen Waare zu unternehmen, welche mich Folgendes lehrte: Ein Tropfen weingeistiger Jodtinctur bringt auf dem appretirten Stoffe einen dunkelvioletten Fleck hervor. Wurde das zum Auskochen der Waare angewendete Wasser eingedunstet, so blieb eine klebrige Flüssigkeit, welche sich durch hinzugetröpfelte Jodtinctur schön indigblau färbte. Die Anwesenheit von Stärke ist nach diesen beiden Beobachtungen entschieden, sowohl für die englische als für die französische Sorte. – An der Lichtstamme verbrannt, gibt der Stoff keine Spur von dem Geruche nach versengtem Horn oder Haar; ein Beweis, daß die Appretur nicht durch Leim hervorgebracht ist. Ueber einer Lichtstamme oder auf einem heißen Ofen stark erwärmt, erlangt der Stoff vorübergehend eine geringe aber deutliche Klebrigkeit, welche man wahrnimmt, wenn das heiße Gewebe zwischen den Fingern gedrückt wird. Dieselbe Wahrnehmung ist zu machen, wenn man ein Streifchen am Lichte anbrennt und dessen Flamme durch Drücken zwischen Zeigefinger und Daumen auslöscht. Die französische Waare zeigt die Klebrigkeit in etwas höherem Grade als die englische; ich deutete die Erscheinung überhaupt auf die Gegenwart einer geringen Menge Wachs. Nachdem die Anhaltspunkte gewonnen waren, nahm ich eine durch Auskochen und Auswaschen gänzlich von Appretur befreite größere Probe der englischen Waare; tränkte sie mit heißer gekochter Stärke (Kartoffelstärke, weil diese bekanntlich einen klareren Kleister gibt als Weizenstärke), nachdem in diese etwas weißes Wachs verrührt war, preßte und streifte sie in der Hand aus, und überging sie nach dem Trocknen, zwischen Papier liegend, mit einem heißen Plätteisen. Trotz der mechanischen Unvollkommenheit dieses in so kleinem Maaßstabe ausgeführten Verfahrens, erhielt ich auf solche Weise ein Product, welches ungefähr dieselbe Farbe und ziemlich denselben Grad von durchscheinender Beschaffenheit zeigte, wie der in Paris käufliche Stoff, auch in seinen sonstigen Eigenschaften diesem höchst ähnlich war. Ich halte mich demnach überzeugt, daß man durch gute Ausführung der eben beschriebenen Zurichtung, namentlich durch sehr scharfes heißes Kalandern des mit wachshaltiger Stärke gesteiften Gewebes, einen völlig brauchbaren Stoff werde darstellen können; wenngleich ich allerdings zugeben muß, daß hiermit die in England übliche Fabrications-Methode noch nicht aufgeklärt ist. (Die Fortsetzung folgt im nächsten Heft.)

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