Das Polytechnische Journal

Der Gründungsherausgeber des »Polytechnischen Journals« ist der 1778 in Zweibrücken geborene Chemie- und Textilindustrielle Johann Gottfried Dingler. Zusammen mit seinem Sohn und späteren Mitherausgeber Emil Maximilian ist Johann Gottfried Dingler wissenschaftsgeschichtlich zu verorten zwischen Johann Beckmann, dem Göttinger Begründer des akademischen Lehrfachs »Technologie«, und Karl Karmasch, der nach 1839 rund 50 deutsche Zeitschriften für den »Dingler« regelmäßig rezensierte. Emil Maximilian gab die Herausgeberschaft kurz vor seinem Tod 1874 ab. Damit verbunden war dann auch der Namenswechsel zu »Dingler’s Polytechnisches Journal«.

Polytechnik

Die Ingenieursschulen des 19. Jahrhundert wurden als »Polytechnische Bildungsanstalten« bezeichnet; zu deren berühmtesten zählten die 1855 gegründete Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, die aus Polytechnika hervorgegangenen Universitäten in Karlsruhe und Stuttgart oder die 1794 von Carnot und Monge begründete »Ecole Polytechnique« in Paris. Das »Polytechnische Journal« steht genau für dieses technische Wissen des 19. Jahrhunderts ein, dessen Gesamtheit noch durch die Geste der Überschaubarkeit gekennzeichnet war.

Wobei die Überschaubarkeit nicht der Mannigfaltigkeit widerspricht. So umfasste Dinglers Projekt einer Polytechnik nicht weniger als »die allgemeine Naturgeschichte, die Naturwissenschaft, die Chemie, die Mineralogie, die Pflanzenkunde, die Land- und Hauswirthschaft, die Maschinenlehre, und Gewerbskunde, die Handels- und Waarenkunde«. (Dingler, J.G.: Vorwort. In: Polytechnisches Journal, Bd. 1, 1820.)

Ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts fällt der Begriff »Polytechnik« zunehmend der fortschreitenden Ausdifferenzierung des menschlichen Wissens zum Opfer.

Inhalte und Themen

Der große zeitliche Bogen, den das »Polytechnische Journal« mit einer Laufzeit von 111 Jahren umfasst, spannt sich von den ersten zarten Wurzeln der Elektrotechnik bis zum vorläufigen Abschluss der Relativitätstheorie. Waren es zunächst eher Fragen der sich langsam industrialisierenden Agrarkultur und des sich zunehmend mechanisierenden Handwerks, treten sukzessiv Bereiche wie Bergbau und Hüttenwesen, Maschinen- und Fahrzeugbau, Antriebstechnik, chemische Verfahren, Elektro- oder Nachrichtentechnik hinzu.

Neben der Übersetzung und Diskussion europäischer Patentschriften und technischer Innovationen behandelte das »Polytechnische Journal« auch die mit der Industrialisierung verbundenen gesellschaftspolitischen und sozialen Fragen. Die Entstehung von Fabrikarbeiterschaft und Gewerkschaften wurden ebenso thematisiert wie die ersten Symptome industrieller Umweltverschmutzung.

Forschungsfelder

Die Artikel des »Polytechnischen Journals« sind exemplarisch für das Entstehen von Kultur im technischen Horizont, sie beleuchten das wechselvolle Verhältnis von Kultur und Natur. Und im Prozess der Industrialisierung gewinnen die neuen technischen Errungenschaften sukzessive Alltagsrelevanz, sie werden zu konkreten kulturellen Manifestationen jenseits spezialisierter Technikbegeisterung. Gerade an der Schnittstelle zwischen Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, zwischen implizitem und explizitem Wissen, also im kulturhistorischen Blick auf die technischen Wurzeln unserer europäischen Gesellschaft ist das »Polytechnische Journal« für weite Forschungsfelder so einzigartig wie unverzichtbar.

Forschungsliteratur

– Helmut Hilz: Technische Zeitschriften und Industrialisierung – Deutschlands technische Zeitschriftenkultur bis zum Ersten Weltkrieg. In: Aus dem Antiquariat, 2 (2009). S. 71–84.

– Franz Fischer: Dinglers Polytechnisches Journal bis zum Tode seines Begründers (1820–1855). In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, 15 (2007). Sp. 1027–1142.